Theorie

Wozu Jugendarbeit?

Orientierungen für Ausbildung, Fortbildung und Praxis

  • Umfang: 281 Seiten
  • Autoren*innen: Böhnisch, Lothar; Münchmeier, Richard
  • Buch (Monographie)
  • Juventa, Weinheim und München, 1987

Abstract

Kurzversion

Anknüpfend an die 1964 erschienene Publikation „Was ist Jugendarbeit?“ der Autoren Giesecke, Mollenhauer, Müller und Kentler, in dem die Autonomie des Arbeitsfeldes Jugendarbeit mit Entwürfen zu einer eigenständigen Theorie untermauert wurde, stellten Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier in den späten 80er Jahren die Frage „Wozu Jugendarbeit?“. Der Titel greift den damaligen Legitimationsdruck auf, die Publikation stellt angesichts gewandelter gesellschaftlicher Umstände, einer Unübersichtlichkeit des Arbeitsfeldes und der Ausdifferenzierung in unterschiedliche Ebenen und Diskurse wiederum die Konzeptionsfrage der Jugendarbeit. Anknüpfend an verschiedene Diskursstränge versuchen die Autoren in integrativer Perspektive diese zu bündeln, wobei die konzeptionelle Perspektive der Raumorientierung sich als strukturierendes Element durchzieht. Die theoretische Rahmung hierzu erfolgt u.a. nach dem Aneignungskonzept der kritischen Psychologie in der Folge von Alexei Leontjew.

Der Band ist vergriffen, aufgrund dessen folgt eine längere Zusammenfassung.

Zur Vertiefung

„Jugend ist soziokulturell emanzipiert, bleibt aber an die ökonomische Unselbständigkeit gebunden und das altersmäßig länger als früher.“ (S.16) Die Autoren führen die Notwendigkeit aus, in neuer Verschränkung der entwicklungspsychologischen und sozialstrukturellen Perspektive des Jugendalters eine neue Begründung für Jugendarbeit ein ein neues Professionsverständnis für Fachkräfte zu entwickeln. Zu einer Neuforumlierung einer emanzipatorischen Arbeitsperspektive werden folgende Aspekte herangezogen: Jugendarbeit ist weitgehend anerkannter Teil der sozialen Infrastruktur geworden, Das Verhältnis von Pdagogik und Verrwaltung hat eine andere Form gefunden, auch wenn sich ihre inhaltliche Definition von Seiten der Kommune und der Fachkräfte oftmals unterscheidet; aufgrund der Pluralisierung von Lebenslagen fallen Nutzungen und Ansprüche an die Jugendarbeit differenziert und unterschiedlich aus; die Erziehungs- und Gesellschaftsbereiche Schule, Familie, Berufsausbildung und auch die kommerzielle Freizeitindustrie sind durchlässiger geworden, so dass sich auch die Jugendarbeit öffnet und eine enge Grenzziehung im Sinne einer „vierten Sozialisationsinstanz“ schwer fällt.
Eine Konzeption der Jugendarbeit muss an den Bedürfnissen der Jugendlichen anknüpfen, sie muss für die öffentliche Begründung von Jugendarbeit geeignet sein, sie muss die Arbeitsfelder und das Professionsbild struktuieren können und es muss „die unterschiedliche Alltagspraxis einen allgemeinen Bezug erhalten können.“ (S.28)
„Jugendarbeit hat inzwischen eine reale und komplexe Bildungsfunktion, die historisch gewachsen ist und sich nicht so einfach institutionell abgrenzen läßt.“ (S.31) Bildung und Lebensbewältigung gehen ineinander über.
Auch wenn der Begriff „Entgrenzung“ damals noch nicht benutzt wurde, wird die Jugenphase zwar als eigenständiger Lebensabschnitt, welcher aber von Entgrenzung betroffen ist, beschrieben: einerseits geschieht eine biografische Vorverlagerung der Adoleszenz ins Alter der Kids, andererseits verlängert sich die Jugendphase ins Erwachsenenalter hinein, wobei sich auch zunehmend Erwachsenenbelange in die Jugenphase vorverlagern. „Jetzt haben wir eine Phase, wo gleichzeitig persönlichkeitsbezogene Entwicklungsaufgaben und soziale Existenzfragen bewältigt werden müssen.“ (S.52) Die Bildungsexpansion, längere Verweildauer im Bildungssystem, und die unsichere Entwicklung der Arbeitswelt lassen den bildungsoptimistischen Zukunftsentwurf von Jugendlichen schwinden. Die Autoren verweisen darauf, 20- bis 25jährige als junge Erwachsene, als eigene Sozialgruppe mit eigenem Bewältigungsbedarf zu sehen.
Die Befunde zum Strukturwandel der Jugendphase bedeuten, „daß Jugendliche heute früher soziokulturell selbständig werden und daß sie – dies ist historisch neu – vermehrt Räme und Aneigungsmöglichkeiten von Räumen brauchen, um sich unter den veränderten Bedingungen und Anforderungen ausdrücken, sich selbst finden und ihre existentiellen Lebensprobleme bewältigen können.“ (S.80) Denn hinter dem Bedarf „nach eigenbestimmter, sinnvoller ‚Freizeitgestaltung‘ verbirgt sich das viel tiefer gehende Bedürfnis, Freizeit als Gelegenheitsstruktur für Treffpunkte, Kontakte, wechselnde Aktivitäten und Ressourcen für die alltägliche Lebensbewältigung zu nutzen.“ (S.81) Auch wenn es „die Jugend“ nicht gibt: „Abbau von Benachteiligungen und Herstellung von Chancengleichheit waren die politischen Losungen und Wege zur Herstellung einer solchen einheitlichen jungen Generation.“ (ebd.) Aus der Vielfältigkeit der Lebenswelten und dem Brückigwerden der „scheinbar vorgebahnten Wege und Stationen, wie sie unser institutionelles Bildungs- und Ausbildungssystem suggeriert“ (S.89), resultiert für die Jugendarbeit der Anspruch des vernetzten Denkens, „d.h. daß wir nicht alles auf uns ziehen und von der Jugendarbeit her machen können.“ (S.90) Dementsprechend ist die Perspektive von Jugendarbeit als vierter Sozialisationsinstanz hinfällig. Als Grundorientierung für ein vernetztes Denken schlagen die Autoren ein Denken in Räumen vor, als Öffentlichkeiten, Medien, Zugangsmöglichkeiten zu Kontakten und Kommunikation. Ähnliche Bedeutung für die Entwicklungspotentiale Jugendlicher kommt der eigenen Art des Zeiterlebens und Zeitverständnisses zu. Geht es bei den Kids, den 9- bis 14jährigen, vorrangig um das Erlebnis des Raums als sozialen Mikrokosmos, so dominiert bei den älteren Jugendlichen im Raumverhalten und Raumerleben die Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen, welche sich ihnen im Raum vermitteln und manifestieren. Kinder und Jugendliche sind in ihrer Entwicklung auf den (sozialen) Nahraum angewiesen und können von daher seine Separierung, Normierung und Vernutzung als personales Problem erleben.
Gegenwartsortientierung ist ein Merkmal in der Jugendphase und hat an strukturierender Bedeutung für die Lebensbewältigung Jugendlicher aufgrund des Schwindens verlässlicher Zukunftsentwürfe gewonnen.
„Jugendarbeit ist. bzw. könnte der Ort im Erziehungsfeld sein, wo solche jugendgemäßen Räume noch am ehesten vermittelt, eröffnet werden können, wo dieses jugendtypische Zeiterleben sich noch am ehesten ausleben kann.“ (S.117)
Nach dieser theoretischen Gesamtschau auf die Jugendarbeit schließen sich thematische Beiträge an:

  • Heide Funk gibt eine Übersicht zu Mädchenarbeit und Koedukation, Lothar Böhnisch über Jungenarbeit;
  • das Kapitel „Jugendarbeit im ländlichen Raum“ beschäftigt sich mit der Vernachlässigung ländlicher Räume und der Angewiesenheit auf die Beschäftigung mit regionaler Lebensbewältigung;
  • nachfolgend wird der Fokus auf „ausländische Jugendliche“ gelegt und der Frage, wie man diese „als eine Sozialgruppe fördern und akzeptieren kann“ (S.156) durch eine Jugendarbeit, welche als interkultureller Raum angelegt ist;
  • im Beitrag „Problemgruppen“ in der Jugendarbeit werden die Themen Jugendarbeit mit gefährdeten Jugendlichen, Beratung im Lebenszusammenhang und unter Mitarbeit von Werner Schefold Jugendschutz und Sexualerziehung fokussiert;
  • in Abgenzung zur Schulsozialarbeit, welche in ihrer Spezifität erläutert und als Anzeichen der Krise des Schulsystems aufgefasst wird, wird im folgenden Beitrag die Aufforderung erläutert, dass sich Jugenarbeit nicht zur Schule, aber zu den Jugendlichen in ihren lebenslagenspezifischen Problemen des Schüler*innenseins zu verhalten hat und in diesem Rahmen pragmatische Kooperationsverhältnisse mit Schule anzustreben sind;
  • Jugendarbeit als Beruf: in diesem Kapitel werden im Rahmen der „vergesellschafteten“ Jugendarbeit „Professionelle als Ressource im Alltag Jugendlicher und als Garanten und Stabilisatoren von sozialen Lebens- und Erfahrungsräumen“ begriffen. (S.202) „Jugendarbeiter sollten sich nicht ins Jugendpädagogische verkrallen, sondern sich an ihrer gesellschaftlichen Funktion, für Jugendliche da zu sein und eine Infrastruktur zu gewährleisten, ausrichten.“ (S.216)
  • Unter der Überschrift „Offene (kommunale) Jugendarbeit“ setzen sich die Autoren mit der Situation der Offenen Jugendarbeit im kommunalen Rahmen, mit Kommerzialisierung des Freizeitverhaltens, Jugendarbeit und Verwaltung, Offene Jugendarbeit als soziale Infrastruktur, Jugendkulturarbeit und der Situation von Jugendtreffpunkten im Quartier und in der Region auseinander;
  • das anschließende Kapitel widmet sich Jugendverbänden als soziale Räume mit vier Akzentsetzungen: Anregungen für Lebenspraxis und Lebensperspektive, Partnerschaft der Geschlechter, Generationenverständigung und Gleichaltrigenerziehung;
  • der abschließende Beitrag beleuchtet Jugendarbeit und Kommunalpolitik: wie Jugendliche Politik wahrnehmen, wie Politiker*innen Jugendliche wahrnehmen und die strategische Perspektive der Bedeutung von Jugend für die Entwicklung der Gemeinde: „Jugendliche als ‚strategische‘ Gruppe der Regionalentwicklung.“ (S.271)

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