Theorie-Praxis-Paket

Identität & Europa

Zusammengestellt von Verena Hafner, Mitarbeiterin bei der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste in Südtirol – Marina Peter, Mitarbeiterin vom Dachverband netz I Offene Jugendarbeit in Südtirol – Prof. Dr. Andreas Eylert-Schwarz, Professor für Soziale Arbeit an der HSD Hochschule Döpfer.

In der folgenden Einordnung und auf dieser Seite wollen wir einige Erkenntnisse aus einem im Rahmen des Projektes „Diskurs²“ durchgeführten Prozess teilen und Hinweise auf Materialien aus Theorie und Praxis geben, die für die offene Kinder- und Jugendarbeit Anregungen zur Reflexion und zur praktischen Auseinandersetzung mit Fragen von „europäischer Identität“ oder auch „identitätsbildendem Europa“ geben können. „Identität“ ist etwas, das Kinder und Jugendliche im Prozess der Reifung und des Mündigwerdens direkt betrifft. „Wer bin ich und wenn ja, wo gehöre ich hin?“, so haben wir daher auch die Veranstaltungen überschrieben, die die Basis zu diesem Themenpaket bilden und auf denen sich Praktiker*innen, Multiplikator*innen und Wissenschaftler*innen mit Fragen von „Identität und Europa als Thema der offenen Kinder- und Jugendarbeit“ auseinandersetzten.

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    Kinder und Jugendliche wachsen heute, glücklicherweise, in einem Europa ohne Grenzen auf, in dem auch die gesellschaftlichen Grenzen immer stärker Fallen. Rollenbilder verändern sich, sexuelle Orientierungen werden vielfältiger sichtbar, berufliche Möglichkeiten erweitern sich, im Bereich der Bildung sprechen wir von „lebenslangem Lernen“ und können uns daher immer weiterentwickeln, die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation führen zu einer geringeren Bedeutung räumlicher, zeitlicher und sozialer Grenzen usw. usf. Diese Entgrenzungen innerhalb der globalen Gemeinschaft führen zu einer Multioptionalität, die die Identitätsentwicklung von (jungen) Menschen behindern oder unterstützen kann. Es gibt weniger Klarheit und Verlässlichkeit – damit steigen die Möglichkeiten aber auch die Verunsicherung. Und damit der Bedarf nach Kommunikation und Unterstützung, die unter anderem die offene Kinder- und Jugendarbeit bieten kann.

    Denn: „Identität entwickelt sich in der immer neuen Auseinandersetzung des Subjekts mit seiner Geschichte, seinem Körper und seinen Lebensumständen, die auch geprägt sind von den Ansprüchen, Erwartungen und Werturteilen des sozialen Umfelds, generell der Gesellschaft.“ (Auernheimer, 2022)

    Kinder und Jugendliche, die vor 50 oder 60 Jahren aufwuchsen, bekamen von der Gesellschaft relativ deutlich signalisiert, in welche Richtung sich ihre Identität zu entwickeln habe. Rollenbilder waren relativ klar (und starr), biografische Verläufe früh vorgezeichnet. Schule, Ausbildung, berufliche Tätigkeit im Ausbildungsbetrieb, Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen… - das waren die Erwartungen an idealtypische biografische Lebensverläufe. Heute ist dies anders, es gibt weniger feste Identitäten, sondern immer wieder neue Entscheidungen zu treffen zwischen den sich bietenden Optionen und Wegen.

    „Es rückt das Streben nach Handlungsfähigkeit in den Vordergrund der Identitätstheorien. Es gehe heute – so wird hervorgehoben – weniger um Kohärenz oder Gleichgewicht, sondern um ein wiederkehrendes „Herausgefordertsein“. Im persönlichen Leben werden die Sicherung und Stärkung der subjektiven Handlungsfähigkeit zu einer zentralen Dimension der Sozialen Arbeit" (Böhnisch / Schröer 2018)

    Die offene Kinder- und Jugendarbeit als subjektorientiertes Feld der Sozialen Arbeit hat dabei eine Schlüsselrolle. Anders als zum Beispiel Familie oder Schule kann sie sich auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Kinder und Jugendlichen fokussieren. Und sie so in ihrer Identitätsentwicklung begleiten und (aktiv) unterstützen.

    Wichtig ist, sich dieser Aufgabe bewusst zu sein: „Von zentraler Bedeutung dafür ist ein Verständnis von Jugendarbeit als pädagogischer Praxis, die Jugendliche zu einem möglichst selbstbestimmten Leben befähigen soll. Das heißt: Jugendliche sollen angeregt und ermutigt werden, sich kritisch mit gesellschaftlichen Konventionen, Normen und Zwängen auseinanderzusetzen und auf dieser Grundlage bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten und wofür sie sich politisch einsetzen wollen.“ (Scherr 2021, S. 640)

    Wenn sich offene Kinder- und Jugendarbeit so versteht, als Orte an denen Heranwachsende individuell gesehen und bei der Verselbständigung und „Ich-Findung“ (als Synonym für Identitätsentwicklung) unterstützt werden sollen, dann muss sie sich auch mit Fragen von Aufwachen in Europa, von Heimat, von Werten und Normen in unserer Gesellschaft usw. aktiv auseinandersetzen.

    Mit diesem Themenpaket wollen wir dazu Anregungen geben und dazu ermutigen, sich im Sinne von „Think global – act local“ auch im Jugendzentrum, im Jugendverband, im Kinder- und Jugendverein, in Streetwork oder in den Dachverbänden mit Fragen von „Identität und Europa“ auseinanderzusetzen.

    Marina Peter, Verena Hafner und Prof. Dr. Andreas Eylert-Schwarz

THEORIE/LITERATUR/STUDIEN

Einige Anregungen, Literatur und Studien zur Reflexion und zur praktischen Auseinandersetzung mit Fragen von „europäischer Identität“ oder auch „identitätsbildendem Europa“ geben können. „Identität“:

IDENTITÄTSARBEIT IN DER JUGENDARBEIT | MATERIALIEN UND BEISPIEPLE AUS DER PRAXIS

Diese Praxisbeispiele, Handreichungen und Kontaktdaten zeigen/bieten eine Möglichkeit, wie offene Jugendarbeit dazu beitragen kann, die europäische Identität junger Menschen zu stärken, indem sie Begegnungen, Engagement, Bildung und Partizipation auf europäischer Ebene fördert.

KONTAKTE & BEISPIELE

Verschiedene Projekte und Initiativen ermöglichen es jungen Menschen, aber auch Jugendarbeiter*innen, aus verschiedenen europäischen Ländern, sich zu treffen, auszutauschen, sich fortzubilden, zu vernetzen und/oder gemeinsame Projekte durchzuführen. Internationale Aktivitäten tragen zur Bildung und Persönlich­keitsentwicklung der jungen Menschen bei. Sie fördern Selbst­vertrauen, soziale Kompetenzen und interkulturelle Sensibilität. Hier einige Beispiele und Kontakte.

  • Internationale Jugendbegegnungen
  • Europäische Freiwilligenprojekte
  • Europäische Projekte zur Jugendpartizipation
  • Non-formale Lernressourcen, organisierte Trainings und Vernetzungsaktivitäten

EUROPA UND IDENTITÄT – IM KONTEXT VON RADIKALISIERUNG UND EXTREMISMUS

In der offenen Jugendarbeit spielen Identitätsbildung, Partizipation und die Prävention von jeglichen Extremismen eine wichtige Rolle. Jedoch basieren extremen Ideologien oft auf der Schaffung von Feindbildern und der Ausgrenzung bestimmter Gruppen. Indem sie Menschen dazu bringen, sich mit ihrer Gruppe gegen vermeintliche Feinde zu vereinen, können extreme Gruppen Identitätsgefühle verstärken und Anhänger gewinnen. Deshalb nochmals auch hier der Fokus auf Europa & Identität – Im Kontext von Extremismus, Radikalisierung.

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