Theorie-Praxis-Paket

Beratung

Maria Nesselrath, langjährige Mitarbeiter*in der Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg, selbstständig als Supervisorin. Tätig in der Fort- und Weiterbildung u.a. im  Kontext Beratung.
Zusammengestellt von Maria Nesselrath, langjährige Mitarbeiter*in der Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg, selbstständig als Supervisorin. Tätig in der Fort- und Weiterbildung u.a. im Kontext Beratung.

Zum Auftrag der Offene Kinder- und Jugendarbeit gehören Beratungsangebote. Diese unterscheiden sich jedoch in ihrem Setting von klassischen Beratungsformen. Beratung im Kontext Jugendarbeit orientiert sich an den Prinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wie z.B. Freiwilligkeit, Offenheit und Partizipation. Erfolgreiche Beratung lebt vom gelungenen Kontakt zwischen den Akteur*innen und entfaltet dadurch ihre besondere Wirkungskraft. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist prädestiniert dafür, mit ihrem niedrigschwelligen Beratungsangebot junge Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und Entwicklungsphasen zu begleiten. Mädchen und Jungs haben einen Bedarf nach verlässlichen, erwachsenen Ansprechpartner*innen jenseits von Schule und Elternhaus, an denen sie sich orientieren können und bei denen sie Rat finden. Beratung wird hier als professionelles Beratungs- und Interaktionswissen verstanden, durch welches Fachkräfte Jugendliche wahrnehmen und ernst nehmen können und sich in der Haltung der Jugendarbeiter*innen widerspiegelt.

Theorie

Maria Knab und Heino Holstein-Brinkmann haben bereits 2008 mit ihrem Buch „Beratung zwischen Tür und Angel“ einen wesentlichen Beitrag zur Professionalisierung von Beratung in offenen Settings geleistet. In ihrer Einführung beleuchten sie die Ausgangslage des zugrundeliegenden Beratungsverständnisses. Sie erläutern die Chancen offener Settings, die im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tür und Angel liegen. In diesem Band beschäftigt sich Olaf Neumann mit der für Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit relevante Frage, wie Jugendliche in niederschwelligen Settings ihren Wunsch nach Beratung überhaupt deutlich machen und entwickelt Indikatoren für ein beratungstaugliches Setting.  

Maria Knab weist in ihrem Beitrag auf die Diskrepanz zwischen der Vielfalt offener Beratungssettings hin, wie sie von Fachkräften der Sozialen Arbeit gestaltet werden, und einer mangelnden fachlichen Anerkennung dieses Handelns. Auch wenn der Artikel nicht explizit offene Jugendarbeit anspricht, stellt er konzeptionell einer der wenigen Beschreibungen dar, die diesen Beratungsansatz verdeutlichen und damit einen wichtigen Beitrag zur Klärung des Beratungsbegriffes in der Offenen Jugendarbeit und seiner Anerkennung leistet.

Im Handbuch Offene Jugendarbeit (2013) arbeiten Franz Bettmer und Benedikt Sturzenhecker in dem Artikel „Einzelarbeit und Beratung“ die Beratungsunterschiede in offenen Settings heraus. Sie beschreiben die Bedeutung des individuellen Souveränitätsanspruchs von Jugendlichen im Kontext von Beratung und die Herausforderungen an eine Verstetigung von Beratungsprozessen.

Im Handbuch Offene Jugendarbeit (2021) beschäftigt sich Olaf Neumann mit dem Beratungsbegriff und differenziert diesen u.a. nach Informationsbedarf und Prozessberatung. Dadurch werden auch noch einmal die unterchiedlichen Beratungsanforderungen an die Rolle der Fachkräfte deutlich. 

Praxis

Praxisnah beschreibt Swantje Schindehütte, wie der Systemische Beratungsansatz in der Offenen Jugendarbeit kreativ angewendet werden kann. Sie setzt sich mit der Frage ausseinander, welche Formen der Beratung in offenen Settings angezeigt sind. Beratung wird damit nicht zum „Extra“ in der Offenen Jugendarbeit, sondern findet seinen Platz in vielfältigen Alltagssituationen.

Forschung

In einer empirischen Bestandsaufnahme zu Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit von 2016 betrachten Mike Seckinger u.a. Jugendzentren als Orte für alltags- und lebensweltnahe Beratung. Entweder geschieht dies durch Hauptamtliche oder auch in Peergruppen. Die Ergebnisse zeigen u.a., dass Jugendliche sich in 87% der befragten Jugendzentren beraten lassen können und 71% der befragten Jugendzentren verfolgen das Ziel der gegenseitigen Beratung und Unterstützung durch Jugendliche. Deutlich in der Untersuchung wird auch, dass Beratungsangebote mit hauptamtlichem Personal korrelieren und in Einrichtungen ohne hauptamtliches Personal nur 42% der Einrichtungen überhaupt Beratung als Bestandteil der Arbeit ansehen. Allerdings sind das Ergebnisse, die aufgrund der Heterogenität des Beratungsbegriffes nicht leicht zu fassen sind.

Die Themen, zu denen von Jugendlichen Beratung gesucht werden, umfassen die gesamte Lebenswelt junger Menschen, u.a. werden Konflikte, Beziehungen, Freundschaften, Gewalt, Übergang Schule/Beruf genannt. Dreiviertel der befragten Jugendzentren stimmen der Aussage zu: „Wir scheinen oft die einzigen Erwachsenen zu sein, an die sich Jugendliche mit ihren Problemen wenden.“ (S. 182)

Nicht erfragt wurde in der Untersuchung, inwiefern hauptamtliche Beschäftige über Basiswissen zur Beratung verfügen. Als interessante Forderung wird u.a. von Seckinger darauf verwiesen, dass die Beratungsleistungen sehr viel mehr nach außen in der „Öffentlichkeit“ sichtbar dargestellt werden müssen.

Video

Interessante Einblicke in die Onlineberatung gibt der „bOJA Talk“ in Österreich. Gerade in Zeiten der Corona-Krise ist „Onlineberatung“ als Kommunikationsmittel im virtuellen Raum für die Jugendarbeit von Bedeutung. Was ist Onlineberatung, wie geht das und worauf müssen Fachkräfte achten? Die virtuelle Veranstaltungsreihe ‚bOJA Talk‘ der österreichischen Dachorganisation gibt interessante Einblicke.