PraxisTheorie

Siedler oder Trapper?

Professionelles Handeln im pädagogischen Alltag der Offenen Jugendarbeit

  • Umfang: 12 Seiten
  • Autor*in: Müller, Burkhard
  • Erschienen in: Deinet, Sturzenhecker (Hg.) 2013 – Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, S. 23–36
  • Springer VS, Wiesbaden, 2013
Dieser Beitrag ist nur gebührenpflichtig erhältlich.

Abstract

Burkhard Müller legt in diesem wichtigen Beitrag zur pägogischen Professionsrolle einerseits eine grundlegende Beschreibung des pädagogischen Alltags in der OKJA vor, zum anderen differenziert er anhand der Metaphern des Siedlers und des Trappers unterschiedliche professionelle Verortungen im Arbeitsfeld.
Wie lässt sich das Professionsbild in ihren vielfältigen Facetten und Ausprägungen im Alltag der OKJA, verstanden als „Urwald, ein Dschungel von Aufgaben und Zuständgkeiten“ (S.24), eingrenzen und beschreiben? Das „Siedlermodell“ professioneller Kompetenz geht davon aus, sich in einem Teilbereich als Professioneller niederzulassen und sich in diesem Bereich zu spezialisieren. Hingegen versucht das „Trappermodell“ gerade angesichts des Generalismus des Professionsbildes und unter Berücksichtigung der eigenen Grenzen in der Vielfältigkeit der Aufgaben Orientierung zu geben. Konzeptionelles Arbeiten alleinig lösst dabei das Dilemma in der Jugendarbeit „reagieren müssen statt agieren“ nicht auf. Eine Grundsätzlichkeit stellt die Wahrnehmung für Bildungsgelegenheiten dar: „Statt zu planen, was laufen sollte müssen Konzeptionen hier vor allem Wahrnehmungshilfe leisten für das, was läuft.“ (S.26) Konzeptionen müssen im Rahmen des Trappermodells vor allem Landkarten liefern, die das Territorium beschreiben, auf dem sich die Arbeit bewegt; Beobachtungsmöglichkeiten und Analyseinstrumente, welche die Wahrnehmung ausrichten und überprüfbar machen, „wie gut wir dabei mitzuspielen können ohne uns anzubiedern“ (S.27).
Dabei stellt sozialräumliche Orientierung einen „konzeptionellen Sockel“ dar, der sehr unterschiedliche und zum Teil nichtpädagogische Tätigkeiten zu einer Einheit zusammenzuschließen vermag. Müller diskutiert, ob OKJA „Marktkompetenz“ beweisen muss: „Der wichtigste ‚Markt‘ auf dem sich Jugendarbeit kompensierend einmischen muss, ist der Markt der Anerkennungsmöglichkeiten für Jugendliche [...]. Die härteste Konkurrenz des kommerziellen Freizeitmarktes für die Jugendarbeit besteht nicht darin, dass Jugendarbeit bei den Konsumangeboten (Disco & Co) zu wenig mithalten kann, sondern darin, dass vieles heute Jugendliche glauben macht, nur im Konsumverhalten soziale Anerkennung finden zu können. Wenn Jugendarbeit diese Konkurrenz nicht besteht, ist sie verloren. Orte für die Einübung einer ‚moralischen Grammatik sozialer Konflikte‘ (Honneth 1994) zur wechselseitigen Anerkennung Jugendlicher und Erwachsener zu schaffen, scheint mir deshalb die innerste Herausforderung für ‚Marktkompetenz‘ zu sein.“ (S.30) Im Kampf um Anerkennung ist es wichtig, das spielerische Moment im Freizeitbereich richtig einschätzen zu können. Im professionellen Kontext stellt dies durchaus eine paradoxale Anforderung dar: „Die ‚Trapperregel‘ zu diesem ‚Mitspielen‘ könnte lauten: Verlass dich nicht auf die Anerkennung irgendeiner deiner Rollen, Machtpositionen, Verantwortlichkeiten – aber spiele deine Rollen, Machtpositionen, Verantwortlichkeiten! Gehe davon aus, dass Jugendliche das Recht haben, all dies in Frage zu stellen, und du doch nichts davon loswirst. Fehlt dir für dies Spiel der Humor, dann wechsle den Job.“ (S.32)
Verständigung auf der Grundlage der gegenseitigen Wahrnehmung von Unterschiedlichkeiten und Fremdheit hat Vorrang vor vorschnellem, Auseinandersetzungen vermeidendes Verstehen. Professionelle in der Jugendarbeit müssen natürlich Verständnis für Jugendliche entwickeln, allerdings ohne Grenzen, notwendige Auseinandersetzungen, Konflikte und die daraus sich ergebenden Entwicklungspotentiale zu übergehen. Pädagog*innen sollten „es akzeptieren können, als ‚Objekte‘ vielgestaltiger und widersprüchlicher Gefühle verwendet zu werden [...], ohne ihren Humor und ihre Standfestigkeit dabei zu verlieren.“ (S.34)
Burkhard Müller fasst als Fazit zusammen: „Die Zweifel, ob ‚offene Arbeit‘ auch wirklich professionelle Arbeit sein kann, sind nicht berechtigt. Die Unterschiede gegenüber herkömmlichen Vorstellungen über professionelles pädagogisches Handeln müssen allerdings genau beschrieben werden (Cloos et al. 2009). Nur dann kann es Jugendarbeit auch gelingen, sich im Verhältnis zu anderen pädagogischen Aufträgen, besonderes denen der Schule, als gleichberechtigte Partnerin zu positionieren.“ (S.34)

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